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Sterz 102: Grenzen Redaktion: Gernot Lauffer und Heinz Musker. Gestaltung: Gernot Lauffer. Schrift aus der Arial Narrow in 7, 10 (Text) sowie 18 und 36 Punkt Bold (Titel). Druckhaus Thalerhof. Netzmeister: Reinhard Weixler: <www.weixler.org>. Mac-Systembetreuer: Bernard Koschat <bobo@inode.at>. Zu diesem Heft Das Grenzen-Heft zeigt wieder die sterztypische Vielfalt in Mitteilungsgegenstand, -mittel und -form. Berufene, Begeisterte und Bemühte haben das Thema so engagiert wie überraschend eingegrenzt, in großer Vielfalt bei Zugang und Methode. Allen scheint die Beteiligung Freude gemacht zu haben, was ein ganz wesentliches Moment bei der Sterzproduktion ist. Freude ist ja ein grundlegender Aspekt menschlichen Lebens und Treibens, erst die Freude macht das Leben lebenswert. Freude ist das Thema des nächsten Heftes. Es geht um alle Arten des positiven Gefühls, das menschliche Tätigkeit und Erleben begleiten kann. Neben der Verdrängung von Unangenehmem ist unsere Fähigkeit Freude zu empfinden ein/der(?) sinnstiftende/r Aspekt unserer Existenz.
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Gernot Lauffer Grenzen als Segen, Grenzen als Fluch Die meisten Tiere können nach der Geburt schon fast alles, was sie brauchen, der Mensch jedoch ist ein Übungswesen (Sloterdijk), das sich die meisten Fähig- und Fertigkeiten erst mühevoll aneignen muss. Und schon das Kind ahnt, dass letztendlich all die Mühen vergeblich sind, weil am Schluss der Tod doch alles zunichte machen wird. Der Mensch ist das einzige „Tier“, das sich seiner Lebensgrenze voll bewusst ist oder bewusst sein kann, wenn es nur will: Er weiß, dass er sterben wird, unausweichlich, und doch lebt er so, als hätte er das ewige diesseitige Leben. Das gelingt dem Menschen dank seiner einmaligen Fähigkeit des Verdrängens der immer gegenwärtigen Gewissheit des eigenen Todes. 20-Jährigen ist der sichere Abgang unvorstellbar, kommt in der Gefühlswelt so gut wie nicht vor, auch wenn so mancher „junge Krieger“ den Tod täglich herausfordert mit höchstem Risiko im Sport, im Auto, auf dem Motorrad oder gar auf dem Dach eines Eisenbahnwaggons, und das immer mehr, seit es keinen Krieg mehr gibt bei uns. Dabei hat er aber noch „ewig“ Zeit. Auch das unmittelbare Zeitgefühl junger Menschen ist geweitet, am weitesten bei den kleinen Kindern, da dauert ein Jahr endlos und das Christkind kommt und kommt nicht. Im Alter, wenn das Ende absehbar ist, wird die Zeit knapp. Auch wenn der Tod weiterhin unwirklich bleibt, er gewinnt zunehmend Realität, und so wird vermehrt nach Möglichkeiten des Überdauerns gesucht, in den Enkeln, zu denen die Zuneigung oft größer ist als zu den Kindern, in Legaten, Werken, Büchern, Erinnerungen. Vergehen und Vergessenwerden aber ist unvermeidlich. Der Tod wird absurderweise auch ein „Skandal“ genannt, obwohl doch der altersgerechte Abgang ein Segen für alle Beteiligten ist. Jenseitsvorstellungen jeder Art, entstanden aus der Panik vor dem „Nichts“, lösen sich auf mit der Einsicht, dass Endlichkeit zum Wesen allen Lebens gehört. Nur Infantile wollen das nicht wahrhaben und würden gerne „ewig“ leben eine Horrorvorstellung selbst für Selbstverliebte, wenn sie nur einmal ihre Verdrängung des Todes verdrängten und genauer überlegten. Andere wieder haben ihre Lebenszeit verplempert, hätten gerne eine Spielverlängerung und wollen gar noch am Abend als Faule fleißig werden, als ob das irgendetwas ändern würde. Die bestmögliche Weitergabe des Lebens ist also wie bei allen Lebewesen mit der arteigenen Begrenzung unserer Lebenszeit verbunden. Das dauernde Verdrängen hilft uns vermutlich bei allem eigentlichen Wissen psychisch zu überleben. Ohne dieses unbewusste Ignorieren von Grenzen und Begrenztheiten, ohne die dauernde Missachtung innerer und äußerer Barrieren würden wir schon früh verzweifeln. Allzeit den sicheren Tod vor Augen zu haben, würde uns lähmen. Die Hoffnung aber stirbt bekanntlich zuletzt, die Hoffnung, es noch einmal versuchen zu können, anders, besser. Als notorische Stehaufmännchen verdrängen wir die Erfahrung der Grenzen aus unseren Niederlagen, zumindest lügen wir sie uns nach unseren Bedürfnissen zurecht. Diese Fähigkeit, schlechte Erfahrung in erträgliche umzudeuten, macht den Menschen zur erfolgreichsten Spezies der Welt. Jede andere Art „lernt“ aus ihren Niederlagen, passt sich an, verändert sich evolutionär. Nur der Mensch rennt immer wieder gegen seine Grenzen an, in einem Leben, in Generationen, grundsätzlich, und hält an absurden Träumen fest, bis er z. B. tatsächlich fliegt, sogar zum Mond. Keine andere Art lässt sich bei ihren Investitionen auf so ein Kosten-Nutzen-Verhältnis ein wie etwa bei diesen ökonomisch völlig unsinnigen Expeditionen aus dem Bereich der Erde hinaus. Früh schon haben unsere Urahnen wahnwitzige Leistungen vollbracht, die für das (Über-)Leben ohne jeden Nutzen waren. Die Errichtung z. B. von Stonehenge war beim damaligen Stand der Technik ein absurd aufwendiger Exzess an symbolischer Produktion ohne jeden Gewinn für das physische Befinden. Schon früh ist also der Homo sapiens weit über die Grenzen des für das Überleben Notwendigen hinausgegangen, hat seinem Drang nach Ewigkeit nachgegeben. Und doch waren noch die Menschen der Antike bei all ihren erstaunlichen Leistungen zurückhaltend und sich bescheidend verglichen mit den Europäern der letzten 200 Jahre! Die so lange so flach ansteigende Kurve der menschlichen Entwicklung richtet sich abrupt auf, in einer Generation werden mehr Grenzen überschritten als in 10.000, 1.000, 100 Jahren davor. Unsere (Groß-)Eltern, die das 20. Jahrhundert großteils durchlebten, waren aber keine Getriebenen, lustvoll und kühn erkundeten sie immer neue Bereiche, überwanden Grenze um Grenze mit immer neuen Technologien und machten sich die Erde untertan. Immer schneller überwindet der Mensch Grenzen jeder Art und immer größere Herausforderungen tun sich dahinter auf. Die Grenze menschlichen Lebens wird immer weiter hinausgeschoben, überwunden wird sie in absehbarer Zeit wohl nicht. Sollte es gelingen, den Alterungs-Faktor auszuschalten und das Leben des Menschen im Zustand von 20- bis 30-Jährigen zu stabilisieren, käme dem Verdrängen als Grundfähigkeit die Notwendigkeit abhanden: der sichere Tod. Die neuen Dauerjugendlichen verlieren unter Umständen die Dynamik des Menschen, der dem Altern noch unterworfen ist, denn möglicherweise lässt uns gerade das verdrängte Wissen um die Begrenztheit unseres Lebens so dynamisch und explorativ agieren. Denn je mehr wir den Tod verdrängen, umso heftiger müssen wir ihn zu überwinden trachten, Grenze um Grenze. Die Verdrängung des Unausweichlichen entfiele als Motor unserer Schaffenshektik, das könnte den Antrieb dämpfen, für die Unsterblichkeit zu immer neuen Ufern vorzustoßen. Als die Kirche die Erkenntnisse des Galileo Galilei mit aller Gewalt unterdrückte, hatte sie deren Stichhaltigkeit sicher erkannt. Wollte sie möglicherweise nur eine Entwicklung verhindern, die uns jetzt so sehr bestimmt und über die wir die Kontrolle zu verlieren scheinen? Die Konquistadoren trafen in Südamerika auf Kulturen, die das Rad zwar kannten, aber nicht einsetzten, außer bei Kinderspielzeug. Die Weisheit solcher Selbstbeschränkung ist unserer Kultur fremd. Wir sind Entfesselungsmeister, wir müssen über die nächste Grenze, unbedingt, da sind wir Zwangsneurotiker, ob uns das gut tut oder nicht. So, wie sich die Kernspaltung in Atommeilern und -bomben bis jetzt als unbewältigbar erwiesen hat, wird sich immer wieder einer finden, die nächste Büchse der Pandora zu öffnen. Wer kann und will schon wissen, wie gut oder schlecht für uns sein wird, was jenseits der Grenze zum Unbekannten auf uns wartet. |
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| Alle SterzAutoren von Anbeginn (Stand 26.01.2010/Sterz 102) |
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